Für dich ein bisschen
Sonnenschein,
nach dem die Blume sich
dann dreht.
Bald wird der Himmel
heller sein,
damit es dir bald besser geht.
Michael Horst
Können wir von den Sonnenblumen lernen? Diese Blumen, die schnell welken können, sind sehr schön und außerdem noch nützlich – als Speise für Mensch und Tier.
Pfarrer Matthias Hennig schreibt darüber: Die Sonnenblume ist ein Wunder der Schöpfung. Mit dem alttestamentlichen Psalmbeter möchte man sagen: „Wie wunderbar sind deiner Hände Werk, Herr! Wie herrlich hast du alles geschaffen.“ Eine Sonnenblume ist ein Grund zum Staunen und Danken. Sie ist aber auch ein Gleichnis für unser menschliches Leben.
– Die Sonnenblume richtet sich nach der Sonne aus, sie wächst förmlich zur Sonne hin, sie streckt sich aus zur Lichtquelle. Wonach strecken wir Menschen uns aus? Wann werden unsere Augen groß, was sucht unser Herz?
Es ist wohl wie bei der Sonnenblume: Wir strecken uns aus nach einer Quelle des Lichts. Wir brauchen etwas, was uns Kraft gibt; etwas, was in uns Freude auslöst und was unsere Seele ernährt.
|
„Wende dein Gesicht der Sonne zu und die Schatten fallen hinter dich.“ |
Es gibt eine ganze Reihe von Lichtquellen in unserem Leben: die Anerkennung durch einen anderen Menschen, die Liebe des Partners, die Freude an der Arbeit oder am Sport, Erlebnisse in der Natur oder die Faszination an der Technik. Wie die Sonnenblume wenden wir uns hin zu diesen Dingen, wir wachsen und öffnen uns zum Licht hin.
Darüber hinaus lautet die Botschaft der Bibel: Gott ist die wichtigste Lichtquelle in unserem Leben. Wir wissen ganz genau, dass die Anerkennung durch den Chef oder der Spaß am Sport oder die Freude an der Technik irgendwann aufhören. Das sind Quellen, die sich irgendwann auch wieder schließen. Mit Gott, sagt die Bibel, ist es anders. Gott ist eine Lichtquelle, die nicht erlischt, eine Quelle, die nie versiegt.
Die Sonnenblume erinnert uns an Gott, die Lichtquelle schlechthin und er berührt uns Tag für Tag mit seinen Strahlen. Die Sonnenblume reckt sich und streckt sich und wächst zur Sonne hin – wir Menschen wachsen, leben und reifen zu Gott hin.
– Noch etwas interessantes an der Sonnenblume: sie wächst nicht nur unter den Strahlen der Sonne heran und der Sonne entgegen, sondern sie wandert mit der Sonne mit und ändert ihre Ausrichtung je nach Sonnenstand. Offensichtlich hat die Sonne eine solche Kraft, dass die Sonnenblume ihre Ausrichtung ändert.
Wir a l s Chris – ten machen die Erfahrung, dass sich unsere Ausrichtung verändert, dass wir regelrecht mitwandern mit Gott. Wo Gott, die Gnadensonne, hoch am Himmel steht, ganz hoch in unserem Leben, da werden die Dinge in ein neues Licht gerückt.
Angst und Zwänge bestimmen so oft unseren Alltag. Auch da mögen die Strahlen der Gnadensonne uns erreichen und berühren, unser Leben in ein neues Licht stellen und uns mit Kraft erfüllen. „Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht“, sagt der Theologe und Schriftsteller Lothar Zenetti. Wie bei der Sonnenblume soll es sein: dass wir uns ausrichten und strecken nach der Gnadensonne, und als Zweites mit der Gnadensonne mitwandern, uns wie die Sonnenblume mit Gott wenden und drehen.
– Mit der Sonnenblume vor Augen denken wir auch an die Früchte des Lichts. Von der Sonnenblume kennen wir die Kerne. Viel Frucht kann hier entstehen, viel kann man aus den Kernen der Sonnenblume machen. Auch da ist es so, dass sich die Sonnenblume wieder wie ein Gleichnis liest für unser Leben als Menschen.
Welche Früchte entspringen unserem Leben, wenn es unter der Gnadensonne wächst und reift? Was wird zum wärmenden Strahl für andere Menschen? Wenn ich selbst mein Leben im Licht von Gottes Gnade verstehe, hat das Folgen für mein Verhalten gegenüber anderen.
Die Früchte des Lichts sind so wichtig, dass Jesus in der Bergpredigt die, die ihm nachfolgen, sogar als „Licht der Welt“ anspricht: „Ihr seid das Licht der Welt. (…) So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen.“
„In der Begegnung mit Gott, da zählt nicht mehr unsere Schwäche und Ohnmacht, sondern der Glanz der Liebe und der Gerechtigkeit, die von Gott her auf unser Leben fallen. Er gibt immer neuen Mut, trotz aller Vergänglichkeit und Hinfälligkeit“ – das steht in einer Andacht der Frauenhilfe im Rheinland. Und dazu: „Wir sind als Ebenbild Gottes dazu berufen, im Gegenüber zu Gott zu leben, uns ihm zuzuwenden, damit seine Güte und Barmherzigkeit unser Leben bestimmt.“
Herr, unser Gott, dein ist die Erde.
Jedes Jahr erneuerst du sie zum Wachsen und Blühen.
Was wir gesät haben, lass zur Frucht gedeihen,
sende Sonne und Regen zur rechten Zeit,
erhalte uns Kraft und Gesundheit zur Arbeit,
in unseren Herzen aber lass dein Wort Frucht bringen,
dass wir deiner ewigen Ernte entgegenwachsen.
Amen

Pfarrer
Jaime Jung