Über das Altwerden gibt es viele Redensarten: „Alter: das ist immer noch das einzige Mittel, das man entdeckt hat, um lange zu leben.“ Und trotzdem: „Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein.“ Der moderne Mensch meint ganz oft: „Du darfst nicht alt aussehen.“ Dagegen hört man: „Ich habe meine Falten so mühsam erworben, deshalb will ich sie auch behalten.“ Und so mag es sein: „Man kann nichts dagegen tun, dass man altert, aber man kann sich dagegen wehren, dass man veraltet.“ Irgendwo dazwischen befinden wir uns selbst, schreibt Kurt Rainer Klein. Man wird älter und damit ist man mal auf der heiteren Seite, mal auf der etwas traurigen.
Aus den Worten des 90. Psalms spricht die Lebensklugheit unserer Vorfahren, die in ihrer Beobachtung des Lebens erkannt haben: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90,10)
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Was immer auch kommt, ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hände. |
So kommt es einem vor – im Rückblick. Mensch, wo ist die Zeit hingegangen? Wo sind all die Jahre geblieben? Die Bibel sieht das Alter so: „Den Greis quälen oft Missmut und Unzufriedenheit; er weiß vielfach nicht mehr klar, was gut und böse ist. Die Glieder werden zittrig und krumm, Steigen und sogar Gehen wird schwer, selbst mit Hilfe des Stocks. Die Zähne fallen aus, die Augen werden matt oder sie erblinden. Das Gehör lässt nach, die Stimme wird schwach, Essen und Trinken schmecken nicht mehr, und der Schlaf flieht. Der Körper wird nicht mehr richtig warm und die Zeit des Liebens ist endgültig vorbei.“
Und so bittet der Psalmist: »Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.« (Psalm 71,9) Und das bedeutet ja im Blick auf die leiblichen Wehwehchen und Gebrechen des Alters nichts anderes, als dass man den Kopf ja nicht hängen lassen soll.
Die positive Einstellung zum Leben möge erhalten bleiben. Die Hoffnung möge einen stärken, dass Gott einem tagtäglich die Kraft gibt, die man braucht. Die Weisheit möge sich einstellen, die jeden Tag zum Geschenk macht.
Das Gefühl der Dankbarkeit möge das Heute zu einer wunderbaren Herausforderung werden lassen. Die Freude über die kleinen Dinge möge um sich greifen und Zufriedenheit verbreiten. Und – ganz wichtig – das Vertrauen zu Gott möge wie eine Brücke über alle Ängste und Zweifel und Anfechtungen sein, die einen trägt und aushält und vorwärts gehen lässt. Und das trotz aller wild e n Wa s s e r , die unter einem toben, und aller ungewissen Stürme, die diese Brücke des Vertrauens schwanken lassen. Wenn Sie nach hinten schauen, werden Sie sicherlich feststellen: Aus Ihrem Schatz an Erfahrungen gibt es vieles zu erzählen: Witziges und Humorvolles, was die Leichtigkeit des Lebens hervorhebt. Interessantes und Spannendes, was zum Staunen bringen kann. Wertvolles und Wichtiges, was ja nicht vergessen werden sollte! Gewiss auch Trauriges und Kummervolles. All das gehört zu Ihrem Schatz an Erfahrungen, den Sie nicht für sich behalten sollten.
Zum Verständnis von Jung und Alt ist es wichtig, dass Sie Ihre Schatzkiste immer wieder öffnen und erzählen. Warum? Weil das den Jungen auf dem Weg zum Älterwerden hilft. Weil das zur Besonnenheit beitragen kann. Und weil das Erzählen aus Ihrem Leben Ihnen selbst gut tut und Ihre Erfahrung im Erzählen wichtig und wertvoll macht.
Das „graue Haar“ ist ein eindrückliches Bild für die Weisheit des Alters, auch in der Bibel. Zu dieser Weisheit gehören zwei Dinge: Zum einen die Dankbarkeit für das, was gewesen ist. Es ist nun mal so, dass man das Vergangene nicht mehr ändern kann. Aber man kann Frieden schließen und sagen: „Es war gut so!“ Und dabei lässt man los und erleichtert sein eigenes Herz. Aber auch sehr wichtig ist die Gelassenheit für das, was kommen wird. Ich wünsche Ihnen so viel Gottvertrauen, dass Sie sagen können: Was immer auch kommt, ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hände. Er hält mich, wenn ich alt und grau bin. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch mit Kurt Rainer Klein beten können:
„Wenn ich heute auf mein Leben zurückschaue, möchte ich das Gute sehen, das du, Gott, mir geschenkt hast. Ich möchte dankbar sein, dass du mir so viele Jahre gegeben hast. Ich will sehen, wo ich Bewahrung erfahren habe und wo du mir deine Nähe geschenkt hast.“
Deine Hände sollen immer Arbeit finden,
immer einen Groschen in der Tasche, wenn du ihn brauchst.
Das Sonnenlicht soll durch dein Fenster scheinen
und dein Herz voll Gewissheit sein,
dass nach jedem Unwetter ein Regenbogen leuchtet.
Der Tag sei dir günstig und die Nacht sei dir gnädig.
Die gute Hand eines Freundes soll dich immer halten,
und möge Gott dein Herz erfüllen mit Frohsinn und Freude.
(Segensworte aus Irland)

Pfarrer
Jaime Jung