Samstags ist in der Innenstadt viel los: Menschen kaufen ein, Pärchen gehen spazieren, Kinder rennen hin und her, die Straßen sind voll. Die Menschenmenge ist überall, sie hat Stress und keiner will Zeit verlieren.
Dazwischen sieht man aber einen jungen Mann, der mitten in der Fußgängerzone steht und ein Schild in die Luft hält. Es ist ein großes Stück Pappe, auf dem geschrieben steht: „Gratis Umarmung“.
„Soll es ein Witz sein?“, denken wohl viele Fußgänger. Die meisten machen einen großen Bogen um ihn, lesen nicht einmal, was auf seinem Schild steht. Andere lesen es zwar, aber umarmen lassen sie sich nicht. Für viele ist es unvorstellbar, einen Fremden zu umarmen: „Vielleicht ist es gefährlich?“ oder „Gratis? Das kann nicht gut sein… was will er wohl dafür haben?“
Aber was der junge Mann will, ist klar: Er steht einfach da und bietet kostenlose Umarmungen für seine Mitmenschen an, mitten in der vollen Fußgängerzone. Auch wenn es komisch oder fremd zu sein scheint, so eine Aktion sieht man in vielen Städten weltweit – auch in Brasilien – wo Menschen einfach Umarmungen anbieten. Das ist eine freiwillige Sache, spontan und unverbindlich. Darum geht es bei den Gratis-Umarmungen: um ein bisschen mehr Wärme und Menschlichkeit im Alltag, wo man zu wenig Zeit für einander hat.
Der junge Mann zwingt keinen, ihn zu umarmen, sondern schaut einfach die Menschen an und lächelt freundlich. Immer wieder versteht jemand was er will und dann umarmen sie sich, ohne Angst und ohne Hintergedanken. „Danke, genau das habe ich jetzt gebraucht“, sagt ihm eine ältere Dame. Und sie geht glücklich ihren Weg weiter. Vielleicht wird auch sie später ihre Nachbarin oder ihre Enkelkinder in den Arm nehmen?
Eine spontane, herzliche Umarmung kann für vieles gut sein. Sie bringt Freude, Geborgenheit, Trost, löst Spannungen, gibt Kraft und Vertrauen. Die Wissenschaftler sagen sogar, dass eine Umarmung das Immunsystem stärkt. Wie schön ist es zum Beispiel, wenn sich am Bahnhof die Menschen beim Wiedersehen
oder zum Abschied fest umarmen!
Jeder, der umarmt wird, kann spüren: Ich werde geliebt, ich werde akzeptiert, ich werde beschützt und stehe nicht allein da. So wird auch jeder Mensch von Gott angenommen und umarmt. Seine „Gratis Umarmung“ heißt Gnade und sie wird durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi deutlich.
Gott wird niemals müde, zu uns zu kommen. So steht es in der biblischen Erzählung vom verlorenen Sohn (Lukas 15,20): „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn und voller Freude ließ der Vater ein Fest vorbereiten.“
Ja, Gott freut sich, wenn er uns umarmen darf. Er zeigt uns immer wieder, mitten in unserem Alltag, dass er uns annimmt und unendlich liebt. Und das kostet uns nichts – wir können es ruhig annehmen und dafür danken. Das ist auch Advent: Gott, der uns entgegen kommt, um uns zu umarmen.