Der Autor Michael Ende erzählt über den alten Straßenkehrer Beppo und verrät sein Geheimnis:
„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“
Furcht oder Angst kennen wir alle. Sie ist ein ständiger Begleiter in unserem Leben, auch wenn wir die unbekannte Straße des neuen Jahres vor uns haben. Als Kind hat man Angst vor der Dunkelheit. Später dann beginnen die Ängste und Sorgen vor der Zukunft. „Klappt alles, so wie ich es mir im Leben vorstelle?“, „Bekomme ich die Arbeitsstelle, die ich mir wünsche?“ oder „Schaffe ich es, meiner Familie ein geregeltes Auskommen zu sichern?“. Im hohen Alter oder bei einer Krankheit ist es dann oftmals die Furcht vor dem Tod, die Angst vor der Einsamkeit. Oder auch die Angst in den Kirchengemeinden: Wie wird es mit der Gemeindearbeit weitergehen? Was sagen die Zahlen, der Haushalt?
Furcht oder Angst macht uns wachsam im Leben, aber ständige Sorge und Angst kann auch depressiv machen und misstrauisch werden lassen gegen alles und jeden. Und dann leben wir nicht mehr in Freiheit.
Da sind es helfende Worte des Psalmbeters, der auf Gott vertraut und dann fragt:
Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können mir Menschen tun? (Psalm 56, 12)
Wir können frei sein, in der Freiheit der Kinder Gottes leben und uns nicht von der Furcht beherrschen lassen. Wir dürfen Mut und Vertrauen haben. Vertrauen, das aber einen Grund hat. Der Grund ist die Liebe Gottes zu uns. Denn in der Liebe ist keine Furcht.
Dom Helder Câmara hinterließ ermutigende Worte: Nein, bleib nicht stehn! Es ist eine g ö t t l i c h e Gnade, gut zu beginnen. Es ist eine größere Gnade, auf dem guten Weg zu bleiben. Aber die Gnade der Gnaden ist es, sich nicht zu beugen und, ob auch zerbrochen und erschöpft, vorwärtszugehen bis zum Ziel.
Gottes Liebe zu uns ist vollkommen. Lasst uns in dieser Zuversicht Mut und Kraft schöpfen, damit uns die Furcht nicht überrollt und gefangen nimmt. Seine schützende Hand begleitet uns auf der noch ungewissen Straße des neuen Jahres, egal was auch kommen mag.
Um die Jahreswende 1944/45 schrieb der deutsche Pfarrer Dietrich Bonhoeffer sein Gedicht „Von guten Mächten“. Er saß im Gefängnis, denn er war ein Gegner von Hitler. Bonhoeffer hatte Angst um sich, um seine Eltern, um seine Braut und um seinen Bruder. Trotzdem will er alles aus Gottes Hand nehmen, so wie es auch kommen mag. Drei Monate später wurde er hingerichtet. Seine Gedanken sind aber bis heute aktuell und bedenkenswert. Wir sind geborgen in Gottes Liebe, wir können Ihm in Angst vertrauen, egal, was uns passiert. Sorge dich nicht, sagt Jesus. Du bist von guten Mächten wunderbar geborgen.
Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, 
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.
Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.