Warum lässt Gott der Herr das zu? Habe ich das verdient? Mein ganzes Leben habe ich ihm gedient, seine Gebote gehalten und Gutes getan. Und jetzt werde ich so “belohnt”? Auf die Frage warum gibt es schwerlich eine Antwort, aber auf die Frage wozu, sie regt an zum Nachdenken. Die Frage nach dem Warum ist uralt. Wahrscheinlich ist sie so alt, wie die Menschen und wie Menschen denken und Ereignisse hinterfragen können. Biblisch gesprochen ist diese Frage nach dem Warum so alt wie Adam und Eva, seit sie aus dem Paradies ausgeschlossen wurden.
Uns ist diese Frage auch bekannt. Nicht nur aus dem Kindermund, wo wir manchmal herausgefordert werden. Papa, warum ist das Wasser nass, usw. Als erwachsene und geprüfte Menschen haben wir diese Frage auch schon gestellt, und sind mit ihr gegen Menschen und Gott ins Feld gezogen. Warum bin ausgerechnet ich krank? Warum bin ausgerechnet ich von einer Belegschaft von dreitausend Mitarbeitern ausgeschlossen worden? Warum finde ich keine Anstellung, obwohl ich eine groβe Berufserfahrung nachweisen kann? Warum… Wir können weitermachen.
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Warum lässt Gott der Herr das zu? Habe ich das verdient? |
Ist die Frage nach dem Warum nicht eine Anklage oder gar ein Vorwurf gegenüber anderen Menschen? Vorgesetzte, Familienmitglieder und zum Schluss Gott, der es zugelassen hat, werden auf die Anklagebank gesetzt. Hat Gott es nicht zugelassen, dass alles so gekommen ist? Ob diese Frage gerecht ist, vielleicht das eigene Versagen zudecken will, kann nicht so einfach gesagt werden.
Können wir uns vorstellen, diese Frage anders zu stellen? Der Pfarrer, der mich vor sechzig Jahren konfirmiert hat, hat mir damals die Augen geöffnet; er hat entscheidend mein Verständnis zu bestimmten Dingen und Anschauungen geprägt. Er hat andersrum gefragt. Warum ausgerechnet ich? Er erzählte, er konnte beim Russlandrückzug auf das letzte deutsche Militärfahrzeug springen, das Königsberg verlieβ. Er war gerettet, obwohl viele andere Kameraden dem Gegner in die Hände fielen und in die Gefangenschaft gingen. Oder: ich denke an meine theologische Abschlussprüfung. Ein Kollege schaffte die Prüfung nicht. Er hatte auch gelernt und sich nicht schlecht vorbereitet. Da sagte ein anderer Kollege, der durchkam: eigentlich hätte ich durchfallen müssen, denn ich hatte nicht so viel gelernt, war nicht so gründlich vorbereitet wie der, der durchgefallen ist. Wir könnten mit Beispielen weitermachen. Warum ist meine Ehe n i c h t auf der S t r e c k e geblieben, obwohl nicht wenige Belastungen bewältigt werden mussten. Warum sind meine Kinder gesund und nicht in schlechte Gesellschaft geraten? Warum habe ich Glück gehabt? Warum hat uns Gott der Herr gesegnet?
Wer die Frage warum stellt, sollte auch fragen wozu ist dies oder jenes passiert? Die Antwort muss nicht gleich auftauchen. Es kann manchmal lange dauern. Offene Augen und offene Ohren für die Ereignisse im Umkreis sind sehr wichtig.
Dazu lohnt es sich, nachzudenken, wo und wie oft wir unter dem Segen Gottes stehen oder gestanden haben. Sicher, um das zu sehen und zu erkennen, muss man die Augen weit aufmachen. Vielleicht braucht man ein wenig Demut und darf von sich und seinem Können nicht zu sehr eingenommen sein. Erfolg und verschiedene Errungenschaften werden nicht nur auf unser Privatkonto gebucht werden.
Wem Gott Gebete erhört hat, sollte sich nicht über andere erheben, denen Gott nicht geantwortet hat. Wer von Gott dem Herrn Segen empfangen hat, sollte genauso bescheiden bleiben und dankbar auf den Segen Gottes blicken. Gesundheit und Wohlergehen brauchen nicht Ursache des Glaubens sein. Gesundheit und Wohlergehen, Erfolg und Fortschritt sind Geschenke Gottes. Es kann ein Mensch sein Gottvertrauen dadurch zeigen, dass er mit seiner Begrenztheit oder seiner Behinderung leben kann; auch das ist ein Geschenk Gottes.
Klar muss sein, Leiden und Misserfolg dürfen von Aussenstehenden nicht als Strafe Gottes angesehen werden. Ohne Zweifel, es gibt auch selbstverschuldete Leiden. Nur, es ist nicht die Aufgabe von Aussenstehenden, da ein Urteil zu sprechen. Bei allem Nachdenken sollte uns klar sein, Gott der Herr will das Leben.
Unser Leben ist jeden Tag in Gefahr. Im Glauben und Gottvertrauen können wir mit dieser Gefahr leben. Die Verheiβung Jesu Christi, dem auferstandenen Herrn, dass er uns in unserem Leben, besonders in Schwierigkeiten begleitet und bei uns ist bis an der Welt Ende, gibt Mut und Kraft. Diese Botschaft lässt auch das Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus wachsen. Sein Wort ist das Licht am Ende des Tunnels, wenn wir am Ende mit unserem „Latein“ sind und Durststrecken durchwandern müssen. Amen

Pfarrer Wilhelm
Waldmann